Was tun bei einem Pflegegrad-Antrag?

Wenn eine Person im Alltag regelmäßig Hilfe benötigt, kann ein Antrag auf Feststellung eines Pflegegrades sinnvoll sein.

Ein Pflegegrad kann zum Beispiel wichtig werden, wenn Unterstützung benötigt wird bei:

  • Körperpflege
  • Anziehen und Ausziehen
  • Essen und Trinken
  • Aufstehen und Hinlegen
  • Gehen oder Treppensteigen
  • Einnahme von Medikamenten
  • Arztbesuchen
  • Orientierung im Alltag
  • Haushaltsführung
  • nächtlicher Versorgung
  • Betreuung und Beaufsichtigung

Entscheidend ist nicht nur eine bestimmte Krankheit. Wichtig ist vor allem, wie stark die Selbstständigkeit im Alltag eingeschränkt ist.

1. Wo wird der Antrag gestellt?

Der Antrag wird bei der Pflegekasse gestellt.

Die Pflegekasse gehört zur jeweiligen Krankenkasse.

Wenn Sie gesetzlich versichert sind, wenden Sie sich deshalb an Ihre Krankenkasse und sagen Sie, dass Sie einen Antrag auf Pflegeleistungen beziehungsweise auf Feststellung eines Pflegegrades stellen möchten.

Privat Versicherte wenden sich an ihr privates Versicherungsunternehmen.

2. Antrag möglichst früh stellen

Warten Sie nicht unnötig lange.

Wenn im Alltag dauerhaft Hilfe benötigt wird, sollte der Antrag möglichst früh gestellt werden.

Der Antrag kann zunächst formlos gestellt werden. Das bedeutet: Sie müssen nicht erst ein langes Formular ausfüllen, bevor Sie den Antrag überhaupt stellen können.

Der Antrag kann zum Beispiel telefonisch oder schriftlich gestellt werden.

Aus Gründen der Nachweisbarkeit ist ein schriftlicher Antrag besonders sinnvoll. So können Sie später besser belegen, wann der Antrag gestellt wurde.

Musterformulierung: Pflegegrad beantragen

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit beantrage ich die Feststellung eines Pflegegrades und die Prüfung meines Anspruchs auf Leistungen der Pflegeversicherung.

Name der versicherten Person: ___________________________
Geburtsdatum: ___________________________
Versichertennummer: ___________________________

Bitte senden Sie mir die erforderlichen Unterlagen zu und bestätigen Sie mir den Eingang meines Antrags schriftlich.

Mit freundlichen Grüßen


Unterschrift

3. Antrag durch eine andere Person stellen lassen

Wenn die betroffene Person den Antrag nicht selbst stellen kann oder Unterstützung benötigt, kann auch eine andere Person helfen.

Das kann zum Beispiel sein:

  • Ehepartner
  • Familienangehöriger
  • Nachbar
  • gute Bekannte
  • gesetzlicher Betreuer
  • bevollmächtigte Vertrauensperson

Wenn eine andere Person den Antrag stellt oder Schriftverkehr übernimmt, kann eine Vollmacht erforderlich sein.

4. Was passiert nach dem Antrag?

Nach dem Antrag prüft die Pflegekasse, ob Pflegebedürftigkeit vorliegt und welcher Pflegegrad in Betracht kommt.

Bei gesetzlich Versicherten beauftragt die Pflegekasse in der Regel den Medizinischen Dienst mit einer Begutachtung.

Bei privat Versicherten erfolgt die Begutachtung üblicherweise über Medicproof.

Anschließend erhalten Sie einen schriftlichen Bescheid.

5. Begutachtung vorbereiten

Die Begutachtung ist ein besonders wichtiger Teil des Verfahrens.

Dabei wird geprüft, wie selbstständig die betroffene Person ihren Alltag bewältigen kann und wobei regelmäßig Hilfe benötigt wird.

Bereiten Sie den Termin sorgfältig vor.

Halten Sie zum Beispiel bereit:

  • Personalausweis
  • Versichertennummer
  • aktuelle Arztberichte
  • Krankenhausberichte
  • Reha-Berichte
  • Medikamentenplan
  • Liste der Diagnosen
  • Nachweise über Hilfsmittel
  • Pflege-Tagebuch
  • Notizen zum täglichen Hilfebedarf
  • Vollmacht, falls eine andere Person unterstützt
  • Kontaktdaten von Angehörigen oder Pflegepersonen

6. Alltag ehrlich beschreiben

Bei der Begutachtung sollte die tatsächliche Situation geschildert werden.

Viele Menschen neigen dazu, ihre Schwierigkeiten herunterzuspielen. Das kann dazu führen, dass der tägliche Hilfebedarf nicht vollständig erkannt wird.

Beschreiben Sie deshalb ehrlich:

  • Was geht noch allein?
  • Wobei wird Hilfe benötigt?
  • Wie oft wird Hilfe benötigt?
  • Wie lange dauert die Hilfe ungefähr?
  • Was geht nur unter großen Schmerzen?
  • Wo besteht Sturzgefahr?
  • Wird nachts Unterstützung benötigt?
  • Gibt es Probleme mit Orientierung oder Gedächtnis?
  • Werden Medikamente vergessen?
  • Kann die Person allein essen und trinken?
  • Kann die Person allein zur Toilette gehen?
  • Kann die Person allein Termine organisieren?

Beschreiben Sie nicht nur einen besonders guten Tag. Entscheidend ist der tatsächliche Alltag.

7. Diese Lebensbereiche werden betrachtet

Bei der Begutachtung geht es um unterschiedliche Bereiche des täglichen Lebens.

Dazu gehören zum Beispiel:

  • Mobilität
  • geistige und kommunikative Fähigkeiten
  • Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
  • Selbstversorgung
  • Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen
  • Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte

Es geht also nicht nur darum, ob jemand laufen kann. Auch andere Einschränkungen können wichtig sein.

8. Pflege-Tagebuch führen

Ein Pflege-Tagebuch kann bei der Vorbereitung helfen.

Notieren Sie über mehrere Tage:

  • welche Hilfe benötigt wurde
  • wann Hilfe erforderlich war
  • wie lange die Unterstützung ungefähr dauerte
  • welche Probleme aufgetreten sind
  • ob nachts Hilfe nötig war
  • ob Medikamente gegeben werden mussten
  • ob Stürze oder Unsicherheiten aufgetreten sind
  • ob Beaufsichtigung erforderlich war

Beispiel für einen Eintrag

Datum: ___________________________
Uhrzeit: ___________________________
Benötigte Hilfe: ___________________________
Dauer ungefähr: ___________________________
Besonderheiten: ___________________________

9. Angehörige oder Vertrauensperson einbeziehen

Wenn möglich, sollte eine Person dabei sein, die den Alltag gut kennt.

Das kann hilfreich sein, wenn die betroffene Person Schwierigkeiten vergisst, unterschätzt oder nicht vollständig schildern kann.

Die Begleitperson kann ergänzen:

  • welche Hilfe täglich geleistet wird
  • welche Tätigkeiten nicht mehr allein möglich sind
  • ob sich der Zustand verschlechtert hat
  • welche Belastungen im Alltag bestehen
  • ob nachts Hilfe benötigt wird

10. Bearbeitungszeit beachten

Für Anträge auf Feststellung der Pflegebedürftigkeit gilt grundsätzlich eine gesetzliche Bearbeitungsfrist von 25 Arbeitstagen.

In bestimmten dringenden Situationen gelten kürzere Fristen.

Wenn Sie längere Zeit keine Rückmeldung erhalten, fragen Sie schriftlich bei der Pflegekasse nach.

Musterformulierung: Sachstandsanfrage

Sehr geehrte Damen und Herren,

am ___________________________ habe ich einen Antrag auf Feststellung eines Pflegegrades gestellt.

Versichertennummer: ___________________________
Aktenzeichen / Vorgangsnummer: ___________________________

Bisher habe ich noch keine abschließende Rückmeldung erhalten.

Bitte teilen Sie mir schriftlich mit, wie der aktuelle Bearbeitungsstand ist und ob noch Unterlagen benötigt werden.

Mit freundlichen Grüßen


Unterschrift

11. Bescheid sorgfältig prüfen

Wenn der Bescheid eintrifft, prüfen Sie:

  • Wurde ein Pflegegrad anerkannt?
  • Welcher Pflegegrad wurde festgelegt?
  • Ab welchem Datum gilt die Entscheidung?
  • Welche Leistungen sind möglich?
  • Liegt das Gutachten bei?
  • Wurden alle Einschränkungen berücksichtigt?
  • Gibt es eine Rechtsbehelfsbelehrung?
  • Welche Frist gilt für einen Widerspruch?

Bewahren Sie Bescheid und Gutachten sicher auf.

12. Wenn kein Pflegegrad oder ein zu niedriger Pflegegrad bewilligt wurde

Wenn Sie mit der Entscheidung nicht einverstanden sind, prüfen Sie die Rechtsbehelfsbelehrung.

Bei einem Bescheid der Pflegekasse gilt grundsätzlich eine Widerspruchsfrist von einem Monat nach Bekanntgabe.

Warten Sie trotzdem nicht bis zum letzten Tag.

Ein kurzer fristwahrender Widerspruch kann zunächst ausreichen. Die ausführliche Begründung kann später nachgereicht werden.

Musterformulierung: Fristwahrender Widerspruch

Sehr geehrte Damen und Herren,

hiermit lege ich Widerspruch gegen Ihren Bescheid vom ___________________________ ein.

Versichertennummer: ___________________________
Aktenzeichen / Vorgangsnummer: ___________________________

Mit der Entscheidung bin ich nicht einverstanden.

Eine ausführliche Begründung und weitere Unterlagen reiche ich nach.

Bitte bestätigen Sie mir den Eingang meines Widerspruchs schriftlich.

Mit freundlichen Grüßen


Unterschrift

13. Wenn sich der Zustand verschlechtert

Wenn bereits ein Pflegegrad besteht und sich der Hilfebedarf deutlich erhöht hat, kann ein Antrag auf Höherstufung geprüft werden.

Notieren Sie auch hierbei genau:

  • welche neuen Einschränkungen hinzugekommen sind
  • wobei mehr Hilfe erforderlich ist
  • ob zusätzliche Hilfsmittel benötigt werden
  • ob nachts mehr Unterstützung nötig ist
  • welche Arztberichte vorliegen

14. Pflegeberatung nutzen

Wenn Sie unsicher sind, welche Leistungen infrage kommen, können Sie sich beraten lassen.

Mögliche Anlaufstellen sind:

  • Pflegekasse
  • Pflegestützpunkt
  • Pflegeberatung
  • Sozialverband
  • Verbraucherzentrale
  • kommunale Beratungsstelle
  • behandelnde Ärzte
  • Beratungsstelle für pflegende Angehörige

Vor dem Absenden prüfen

☐ Pflegekasse herausgefunden
☐ Versichertennummer eingetragen
☐ Antrag schriftlich gestellt
☐ Kopie des Antrags behalten
☐ Eingangsbestätigung angefordert
☐ Vollmacht beigefügt, falls erforderlich
☐ Arztberichte gesammelt
☐ Medikamentenplan vorbereitet
☐ Pflege-Tagebuch begonnen
☐ tägliche Einschränkungen notiert
☐ Begleitperson für den Termin informiert
☐ Bescheid nach Erhalt sorgfältig geprüft

Kurz zusammengefasst

Wenn Sie einen Pflegegrad beantragen möchten:

  1. Antrag möglichst früh bei der Pflegekasse stellen
  2. schriftliche Bestätigung anfordern
  3. tägliche Einschränkungen genau notieren
  4. Arztberichte und Medikamentenplan sammeln
  5. Pflege-Tagebuch führen
  6. Begutachtung sorgfältig vorbereiten
  7. Alltag ehrlich schildern
  8. Bescheid und Gutachten prüfen
  9. bei Ablehnung oder zu niedrigem Pflegegrad Widerspruchsfrist beachten
  10. bei Unsicherheit Pflegeberatung nutzen

Hinweis

Diese Seite enthält keine Rechtsberatung, keine medizinische Beratung und keine Pflegeberatung. Sie dient lediglich als Orientierung zur Vorbereitung eines Pflegegrad-Antrags. Je nach persönlicher Situation, Versicherungsstatus und Pflegekasse können weitere Schritte oder Unterlagen erforderlich sein. Bei wichtigen Fristen, unklaren Bescheiden oder einer Ablehnung sollte fachkundige Beratung eingeholt werden.

Der Antrag wird bei der Pflegekasse gestellt, die bei der Krankenkasse angesiedelt ist; laut Bundesgesundheitsministerium ist auch eine telefonische Antragstellung möglich. Bei gesetzlich Versicherten beauftragt die Pflegekasse anschließend den Medizinischen Dienst oder andere unabhängige Gutachter. Maßstab der Begutachtung ist der Grad der Selbstständigkeit in mehreren Lebensbereichen. Für die Entscheidung gilt grundsätzlich eine Frist von 25 Arbeitstagen. (bundesgesundheitsministerium.de)